Vom kleinen Niefern in die große Welt

Nach ihrem Karriereende wird die Leichtathletin Carolina Krafzik mit einem Festabend im Ameliussaal von zahlreichen Weggefährten verabschiedet.

Pforzheimer Zeitung. Erstellt: 28.01.2025, 18:34 Uhr

Mit Weggefährten wie Stefan Ermentraut, Geschäftsführer der TSG Niefern (re.) und ihrem Sindelfinger Trainer Werner Späth blickt Carolina Krafzik auf ihre Karriere zurück.

Von Julia Klassen

Niefern-Öschelbronn. 5. August 2024. Olympische Spiele in Paris. Stade de France. Vorlauf über 400 Meter Hürden. Carolina Krafzik liegt in aussichtsreicher Position, als sie nach der sechsten Hürde umknickt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht erreicht sie als Letzte das Ziel. Wenig später ist die Diagnose da: Bänderriss. Doch Carolina Krafzik ist keine Frau, die aufgibt. „Ibu ist mein bester Freund“, schreibt sie in einer WhatsApp an einen Freund. Sie lässt sich für den Hoffnungslauf eine Spritze geben – ein letztes Rennen noch. Für das Halbfinale reicht die Zeit nicht, aber sie erreicht das Ziel. Und sie weiß: Das war’s. Zwei Wochen nach Olympia beendet die Öschelbronnerin nach zehn Jahren im nationalen und internationalen Leichtathletik-Zirkus ihre Karriere.

In der vergangenen Woche wurde Carolina Krafzik nun von rund 150 geladenen Gästen feierlich verabschiedet. Dort, wo einst alles begonnen hat: in Niefern-Öschelbronn. Im Ameliussal blickt sie gemeinsam mit vielen Weggefährten auf ihre außergewöhnliche Karriere zurück. In gut drei Stunden erleben die Gäste in Gesprächen im Talkshow-Format und auf einer großen Leinwand die Geschichte von Carolina Krafzik noch einmal nach – von ihren ersten Schritten bis zum emotionalen Finale in Paris.

Dass es einmal dort enden würde – inmitten der besten Sportler der Welt –, hätte vor 26 Jahren wohl niemand gedacht. Damals kam Carolina Krafzik als Dreijährige mit ihrer Mutter Claudia, die bis heute Übungsleiterin in Niefern ist, zur dortigen TSG in die Vorschulgruppe. Ihre erste Leichtathletik-Trainerin war Johanna Kolarzik, die nun in Niefern gemeinsam mit dem TSG-Geschäftsführer Stefan Ermentraut und Carolina Krafzik auf einem grauen Sofa sitzt und sich die Bilder von den ersten Wettkämpfen der späteren Olympionikin anschaut. Bei Carolina, sagt sie, habe alles gestimmt: „Sie war körperlich und mental außergewöhnlich begabt.“ Kein Wunder also, dass sie von 2012 an Dauergast bei den deutschen Jugend- und Juniorenmeisterschaften war.

Eine enge Verbindung pflegt Carolina Krafzik zu Trainer Werner Späth. Fotos: Fotomoment

Ein Meilenstein war der Wechsel zum VfL Sindelfingen und dem dortigen Trainer Werner Späth. „Das war das Beste, was ihr passieren konnte“, sagt Johanna Kolarzik und macht auf dem Sofa Platz für eben jenen Trainer, der seine Karriere eigentlich auslaufen lassen wollte. „Ich wollte keine neuen Athleten mehr nehmen“, sagt der heute 80-Jährige. Nochmals zehn Jahre Zeit investieren in eine Karriere, deren Erfolg nicht absehbar wäre, das erschien ihm damals als zu viel. Dann kam Carolina Krafzik, die gerade nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der TSG Niefern beendet hatte. „Wir haben uns auf ein Probejahr geeinigt“, sagt sie. Das war im Herbst 2016. Schon früh habe er gemerkt, welch Potenzial in der Öschelbronnerin steckte, sagt er neun Jahre später. „Und sie weiß, was sie will“, fügt er hinzu. Carolina Krafzik grinst. Dass er sie von den 100 Meter Hürden auf die lange Strecke über 400 Meter „gejagt“ hat, hat sie ihm längst verziehen, auch wenn sie am Anfang gesagt habe: „Niemals mache ich das.“ Die Erfolge gaben Werner Späth Recht: der dritte Platz bei der deutschen Meisterschaft 2018 und dann mit Bestzeit nach einem grandiosen Rennen der deutsche Meistertitel 2019. Nebenbei hatte sie übrigens gerade ihr Lehramtsstudium abgeschlossen. Mit dem Ticket für die WM in Doha hatte sie nicht gerechnet. „Ich hatte eigentlich mehrere Urlaube geplant“, sagt sie. Stattdessen erreichte sie in Doha das Halbfinale und Platz 23. Plötzlich gehörte Carolina Krafzik zu den besten der Welt. Dass ihre ersten Olympischen Spiele in Tokio wegen der Corona-Pandemie mit Einschränkungen verbunden waren, erfüllt vor allem ihre Eltern, Claudia und Claus Krafzik, die nun auf der Couch Platz nehmen, auch heute noch mit Wehmut. Sie mussten 2021 von zu Hause aus verfolgen, wie ihre Caro ins Halbfinale sprintete und dort als Zehnte das Finale nur um zwei Plätze verpasste. „In Niefern sind die Leute nachts aufgestanden, nur um Carolina laufen zu sehen. Ich war stolz wie Bolle“, erinnert sich Claudia Krafzik beim Abschiedsabend.

Doch es gab nicht nur gute Zeiten. Immer wieder warfen Verletzungen die heute 29-Jährige zurück. So wie vor der EM 2022 in München. Henry Wiedemann war bei den European Championships vor Ort. Gemeinsam sitzt der Vorsitzende des Sportkreises Pforzheim nun mit seiner Vorgängerin Gudrun Augenstein auf dem grauen Sofa im Ameliussaal und erinnert sich an das Drama, das sich dort abspielte. „Mir sind die Tränen gekommen“, gibt er zu: Auf Rang drei liegend war Carolina Krafzik an der letzten Hürde gestrauchelt. Sie selbst realisierte erst beim TV-Interview wie knapp sie an einer Medaille vorbeigeschrammt war. Ein Schock. Dennoch widerstand sie dem ersten Impuls („Ich hatte keinen Bock mehr, ich wollte heimfahren“) und holte mit der Staffel in München noch einen versöhnlichen fünften Platz.

Mit Hilfe des Eisinger Physiotherapeuten David Violakis und dem Sindelfinger Krafttrainer Helmut Valentin kämpfte sie sich bis zu den Europaspielen 2023 in Polen, der Leichtathletik-Team-EM, wieder zurück. Beide erinnern sich in Niefern an eine unheimlich „starke Athletin“. „Verletzt in einen Lauf gehen, ohne zu jammern – das ist Carolina“, sagt David Violakis.

Doch die Blessuren wurden häufiger und hartnäckiger. Vor allem zu Beginn ihres letzten Karrierejahres. Schon Anfang 2024 war klar: die Spiele in Paris würden der letzte Höhepunkt sein. „Ich konnte bis zu Olympia selten lange am Stück normal trainieren“, sagt sie. Immerhin hatte sie die Norm schon in der Tasche.

„Ich kenne niemanden in Niefern, der am 5. August nicht vor dem Fernseher gesessen ist“, sagt nun der Nieferner Bürgermeister Uwe Engelsberger auf der Bühne. 80000 weitere Menschen im Stade de Paris machten den letzten Auftritt für Carolina Krafzik trotz der Verletzung zu einem unvergesslichen Erlebnis. „Unabhängig vom Lauf: Paris hat alles übertroffen“, sagt sie.

Nun hängen ihre Spikes am sprichwörtlichen Nagel. „Dass es im Sport irgendwann endet, ist klar. Im Hürdenlauf spielt das Alter eine größere Rolle, weil die Belastung enorm ist“, sagt sie. „Ein Abschied schmerzt immer, auch wenn man ihn selbst bestimmt“, bringt es Jürgen Kurz, von 1978 bis 2016 Bürgermeister von Niefern, zum Abschluss auf den Punkt. Er spricht aus, was viele der 150 Gäste in Niefern hoffen: „Bleiben Sie dem Sport erhalten.“

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